Versklavt: Eine Theologie der Sucht

Sie werden das Wort Sucht nicht in Ihrer Bibel finden. Das Wort kommt von einem lateinischen Begriff, der eine hoffnungslose Abhängigkeit bedeutet. Aber was sagt die Bibel über das Thema Sucht?

Wenn Sie das Wort Sucht hören, denken Sie an Versklavung. Der Unterschied in der Formulierung ist entscheidend — Sie können von der Versklavung befreit werden, aber Sie können letztlich nicht von einer Sucht befreit werden. Warum nicht? Weil, wie die Welt so freudig und pessimistisch verkündet, einmal ein Alkoholiker, immer ein Alkoholiker ist. Einmal süchtig nach Pornographie, immer süchtig nach Pornographie. 

Aber das ist einfach nicht wahr.

Paulus schreibt an die Korinther: «Irrt euch nicht: Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Weichlinge, noch Knabenschänder, weder Diebe noch Habsüchtige, noch Trunkenbolde, noch Lästerer, noch Räuber werden das Reich Gottes erben. Und solche sind etliche von euch gewesen; aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerechtfertigt worden in dem Namen des Herrn Jesus und in dem Geist unseres Gottes!» (1. Kor 6,9-11). 

Sind gewesen-Vergangenheitsform. Mit anderen Worten: Die Anonymen Alkoholiker verkaufen eine Lüge. Sie verkaufen, dass man sich letztlich nie ändern kann. Aber Gott sagt, man kann sich ändern.

«Und solche sind etliche von euch gewesen; aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerechtfertigt worden in dem Namen des Herrn Jesus und in dem Geist unseres Gottes!» (1. Kor 6,11).

Es kann Veränderungen geben. Einmal ein Drogenabhängiger, nicht immer ein Drogenabhängiger. Einmal ein Alkoholiker, nicht immer ein Alkoholiker. Es gibt immer Hoffnung auf Befreiung.

Wie sollen wir also in einer Welt der Verwirrung biblisch darüber nachdenken?

Den Menschen verstehen 

Das erste, was wir tun müssen, ist den Menschen zu verstehen.

Eine Sache, die wir aus der Heiligen Schrift wissen, ist, dass der Mensch von Natur aus auf andere angewiesen ist. Gott hat ihn so erschaffen. Schon von Anfang an wurden Adam und Eva so geschaffen, dass sie angewiesen waren auf Nahrung, Wasser und alles andere um sie herum.

Aber letztlich wurde der Mensch so geschaffen, dass er auf Gott angewiesen ist. Sogar im Himmel werden wir völlig von Gott abhängig sein, aber dort wird es eine willkommene Abhängigkeit sein. Im Moment rebelliert der Mensch dagegen. Ihr könnt es in eurem Fleisch spüren; euer Fleisch sehnt sich danach, von Seiner Souveränität autonom zu sein.

Der Mensch wurde geschaffen, um in Abhängigkeit von Gott zu leben, um Leben und Segen zu finden. Aber als Folge des Sündenfalls sehnt sich der Mensch nach Unabhängigkeit. Er will von nichts abhängig sein. Im Wesentlichen möchte der Mensch Gott sein. Der Mensch jagt der Autonomie hinterher wie ein Hund seinen Schwanz — rund und rund und rund. Seminare zur Selbstvervollkommnung, Beratung, Life Coaches — sie alle sagen die gleichen müden Dinge: «Du gestaltest dein Leben selbst; du bestimmst dich selbst; du identifizierst dich selbst; du tust, was immer du tun willst. Es liegt alles an dir».

Aber das ist einfach nicht wahr.

Der Mensch strebt nach Autonomie und Selbstgenügsamkeit, und er findet, dass dies ein unmögliches Ziel ist. Der Mensch bleibt trotz seiner Sünde ein abhängiges Geschöpf. Wo führt ihn das hin? Indem er Gott ablehnt, wendet er sich in seiner Abhängigkeit anderen Dingen zu. Diese Dinge werden zu den Götzen, die er morgens und abends anbetet.

Jeder bekennende Atheist hat Götzen. Wie kommt das? Weil jedes menschliche Herz zur Anbetung erschaffen wurde.  Der Mensch muss etwas anbeten, sei es sich selbst oder seinen materialistischen Lebensstil. Er nimmt das, was er für das Wichtigste hält und beginnt es als Gott anzubeten. Seine Abhängigkeit wendet sich dann diesen Dingen zu. Der Götze, dem er vertraut und den er schätzt, verstrickt ihn dann allmählich. Das ist es, was die Welt als Sucht bezeichnet.

Warum werden die Menschen also von Drogen und Vergnügen abhängig? Die Menschen werden abhängig, weil sie geschaffen wurden, um abhängig zu sein. Jeder Mensch ist abhängig. Es hängt nur davon ab, von was man abhängig ist.

Lass mich die Versklavung definieren und es dann erklären.

Versklavung definieren

Was ist also Versklavung? Versklavung ist eine Götzenbeziehung mit einer stimmungsverändernden Erfahrung.

Die meisten Menschen, die heute Alkoholiker sind, mochten Alkohol nicht, als sie es das erste Mal probierten. Sie behielten diese Gewohnheit nur aufgrund dessen bei, was die Welt so liebevoll Gruppendruck nennt oder was die Bibel so präzise als Menschenfurcht definiert. Mit anderen Worten: Ich habe Angst davor, was die Leute zu mir oder über mich sagen würden, wenn ich es nicht täte, also gebe ich auf.

Aber irgendwann, nachdem sie eine Weile getrunken haben, merken sie, dass Alkohol den Stress und die Schwierigkeiten des Lebens verschwinden lässt, wenn auch nur für einen Moment. Ob es sich nun um Depressionen oder Aufputschmittel handelt, die Menschen werden schließlich abhängig von dieser drogenbedingten Flucht vor der Realität. Und dann werden sie versklavt.

Aber schau auf die Person Christi, dem in Seinem Moment der größten Todesqualen Wein angeboten wurde, um den Schmerz der Kreuzigung abzustumpfen. Jesus lehnte es ab, so dass Er nicht nur geistlich all unsere Sünden auf Sich nahm, sondern Er erlebte die qualvolle Erfahrung des Kreuzes, ohne dass keiner Seiner Sinne getrübt wurde.

Aber viele glauben, dass ständige wohltuende Erfahrungen ein natürliches Recht des Menschen sind. Dies ist mein Recht; ich sollte mich immer gut fühlen. Und dann wird man irgendwann diesem Gefühl verfallen und darunter versklavt.

Versklavung erklären

Jeder kann süchtig werden, und alles kann zu einer süchtig machenden Substanz werden.

Alles, was auch nur potentiell genießbar ist, kann zur süchtig machenden Substanz werden. John Calvin schrieb: «Das menschliche Herz ist eine ständige Götzenfabrik». Wünsche, die wichtiger werden, als ein Mann oder eine Frau Gottes zu sein, werden zu Götzen des Herzens. Jede Substanz, die erwünschte Endorphine im Gehirn auslöst, hat das Potential, versklavend zu werden. Es muss keine Chemikalie sein; es kann eine Erfahrung sein. Das ist der Grund, warum wir Sexsucht haben. Die Person wird von Empfindungen versklavt, nur um ihre Stimmung zu verändern. 

Die ultimative Quelle der Sucht ist nicht die Substanz, sondern die Person.

Die letztendliche Quelle der Knechtschaft ist nicht die Substanz, sondern der Mensch. Sie entspringt aus dem Inneren des Menschen, aus dem, was dieser Mensch vertraut und glaubt, aus den Beweggründen seines Herzens selbst. Dort wird die Versklavung geboren.

In den Vereinigten Staaten zeigen die Statistiken, dass mehr Alkoholiker von sich aus mit dem Trinken aufhören als durch spirituelle, spezielle Therapiegruppen. Das ist eine ernstzunehmende Aussage.

Wie ist das möglich?

Wenn ein Mensch hoffnungslos süchtig nach dieser Substanz war, wie konnte er dann einfach aufhören? Weil er in seinem Herzen eine tiefere Motivation als Gefühle gefunden hat. Sie erkannten, dass diese Knechtschaft ihre Ehe oder die Beziehung zu ihren Kindern zerstörte. Was auch immer diese Motivation sein mag, sie ist nun der letzte Anstoß, der sie veranlasst, «Nein» zu den Begierden zu sagen. Wenn der natürliche Mensch das in persönlicher Willenskraft tun kann, dann hat der Christ, der die bleibende Kraft des Heiligen Geistes hat, keine Entschuldigung. Aber die tiefere Motivation des Gläubigen darf nicht nur auf die Ehe oder die Kinder gerichtet sein, sondern muss darin bestehen, Christus wirksamer zu dienen und zu verherrlichen.

Die Menschen haben mehr Kontrolle, als sie bereit sind zuzugeben.

Wenn einer Person die richtige Motivation gegeben wird, kann sie aufhören. Aber wie? Weil die Quelle der Sucht wiederum nicht in der Substanz liegt. Die Quelle der Sucht liegt im Herzen des Menschen.

Auch wenn du das Verlangen nach einer Substanz oder Erfahrung beherrschen und betäuben kannst, kannst du das Herz niemals abschalten. Aus diesem Grund haben die Menschen Selbsthilfegruppen durchlaufen und sind von Drogen und Substanzen losgekommen, aber viele ersetzen das einfach durch eine gesellschaftlich akzeptablere Versklavung. Viele ehemalige Alkoholiker werden zum Beispiel zu Workaholics. Das Herz hat sich nicht verändert. Sie tauschen einfach ein Idol gegen ein anderes. Aber Gott will das Herz umwandeln.

Das Leben der Person dreht sich dann um die Anbetung dieser Erfahrung.

Gott hat die Menschen als Anbeter erschaffen, und jede Anbetung, die nicht dem wahren Gott des Himmels gilt, ist götzendienerische Anbetung.

Um die Götter des chemischen oder Drogenmissbrauchs anzubeten, muss der Mensch bereit sein, ihnen Opfer zu bringen. Jeder und alles wird auf dem Altar dieser Sucht geopfert. Gott wird dann Seiner rechtmäßigen Anbetung beraubt und wird zu einem entfernten Zweiten.

Ein Götze kann uns zu Sklaven machen.

Paulus schreibt an die Gläubigen in Rom: Wisst ihr nicht: Wem ihr euch als Sklaven hingebt, um ihm zu gehorchen, dessen Sklaven seid ihr und müsst ihm gehorchen, es sei der Sünde zum Tode, oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit?  (Röm 6:16)

Jeder muss auf die Stimme seines Meisters hören. Das kann die physische Stimme eines Meisters sein, und wenn man ihr nicht gehorcht, hat das Konsequenzen. Oder es kann die innere Stimme sein, die sagt: «Trink noch etwas. Du musst noch etwas trinken». Wenn man ungehorsam ist, warten auch dort Konsequenzen — Entzug.

Der Drogenmißbrauch macht uns unterwürfig, so dass, wenn die Impulse des Körpers Erfüllung verlangen, sie um jeden Preis befolgt werden müssen. So funktioniert die Sklaverei — das Leben wird in bedingungslosem Gehorsam gegenüber einem anderen verkauft. Wir hören die innere Stimme des Meisters, der ruft: «Diene mir. Verwöhne mich». Um befreit zu werden, wirklich befreit zu werden, muss ein Tod eintreten. Wenn ein Sklave stirbt, ist er endlich vom Meister befreit. Um von der Sucht befreit zu werden, muss der Drogenabhängige sich selbst sterben.

Jesus selbst sagt dies: “Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.» (Lukas 9,23). Sich selbst zu verleugnen ist viel mehr, als Kaugummi für die Fastenzeit aufzugeben. Sich selbst zu verleugnen, bedeutet, sich wirklich zu verleugnen.

Wie oft sollen wir das tun?

Jesus sagt: Täglich. Und dann sagt Er, dass man sich selbst ans Kreuz nageln soll. Im ersten Jahrhundert war das Kreuz ein schmerzhaftes Instrument des Leidens. Man erwartete nie, dass dies ein einfacher Prozess sein würde.

Jesus sagt, dass du dich jeden Tag an das Kreuz nageln und dann kommen und Ihm folgen sollst. Der christliche Mißbraucher muss sich als Sklave der Rechtschaffenheit darstellen. Nicht länger ein Sklave der Schwäche seines Fleisches, sondern ein Sklave der Gerechtigkeit. Wir werden alle Sklaven von etwas sein, also können wir genauso gut dem gnädigen Gott des Himmels dienen, anstatt dem gnadenlosen Gott der Substanzen dieses Zeitalters, der nichts anderes tun wird, als unsere Beziehungen und unser Leben zu zerstören.

Gott aber sei Dank, dass ihr Sklaven der Sünde gewesen, nun aber von Herzen gehorsam geworden seid dem Vorbild der Lehre, das euch überliefert worden ist. Nachdem ihr aber von der Sünde befreit wurdet, seid ihr der Gerechtigkeit dienstbar geworden. Ich muss menschlich davon reden wegen der Schwachheit eures Fleisches. Denn so, wie ihr [einst] eure Glieder in den Dienst der Unreinheit und der Gesetzlosigkeit gestellt habt zur Gesetzlosigkeit, so stellt jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit zur Heiligung. Denn als ihr Sklaven der Sünde wart, da wart ihr frei gegenüber der Gerechtigkeit. Welche Frucht hattet ihr nun damals von den Dingen, deren ihr euch jetzt schämt? Ihr Ende ist ja der Tod! Jetzt aber, da ihr von der Sünde frei und Gott dienstbar geworden seid, habt ihr als eure Frucht die Heiligung, als Ende aber das ewige Leben. Denn der Lohn der Sünde ist der Tod; aber die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn. (Römer 6,17-23)

Von John Street. Übersetzt von tms.edu